Stefan Döring: HR kann jeder - eine Geschichte über Professionalität

HR kann Jeder! Eine Geschichte über Professionalität

Was mit Menschen machen

Darf ich vorstellen: Erika

Erika hat Japanologie und Germanistik studiert. Warum? Weil sie Japan mag. Zudem war sie gut in Sprachen.

Dann hat sie zwei Praktika gemacht. Zuerst in einer Werbe-Agentur. Besonders interessant war eine Marketingkampagne, die sie in verschiedene Sprachen übersetzt hat. Logisch, hat sie ja schließlich studiert. Und Fotos hat sie mit Bildbearbeitungsprogrammen bearbeitet. Das hat Spaß gemacht.

Für das zweite Praktikum wollte Erika „was mit Menschen“ machen. Also ging sie zu einer NGO. Da hat sie viele Listen in Excel geführt, Auswertungen gefahren, die Handkasse betreut, Newsletter verschickt und auch mal Fragen am Telefon beantworten. Toll fand sie den persönlichen Kontakt auf Messen, Veranstaltungen und bei der Spendenwerbung von Tür zu Tür.

Was denkt ihr, ist aus Erika geworden? Wie ging ihre Karriere weiter?

Erika arbeitet jetzt im HR!

Warum das absolut nachvollziehbar ist, lest Ihr in dieser kleinen Geschichte über Professionalität:

1. In Deutschland gibt es für das Personal­management keine Zugangs­voraussetzung.

Juristen brauchen ein 2. Staatsexamen, Lehrer auch (also zumindest früher, angesichts der vielen Seiteneinsteiger). Polizist und Professor darf sich nur der nennen, der entsprechend qualifiziert ist und eine Urkunde dafür erhalten hat. Gleiches gilt für einen Arzt. Oder Piloten. Beide müssen die Hürde einer Abschlussprüfung nehmen, um in den elitären Kreis der Medizinier / Piloten aufgenommen zu werden.

Habt Ihr schon mal etwas von „Betreuungsschlüssel“ gehört? Das ist die Anzahl der Kinder, die pro qualifiziertem Mitarbeiter in Kindergarten und -Krippe zulässig ist. Die Betonung liegt auf qualifiziert, also Beschäftigte, die eine Ausbildung dafür nachweisen können.

Ja, sogar Beamte in der klassischen Verwaltung haben eine durchaus schwierige Hürde in ihrer Ausbildung genommen, bevor sie sich „Verwaltungswirt“ nennen dürfen. An das Steuer einer Lokomotive darf auch nur jemand, der entsprechend qualifiziert ist. Taxifahrer haben einen Personenbeförderungsschein. Als Meister eines Handwerksberufes ist man wer, kann sich niederlassen und ausbilden. Ich könnte diese Aufzählung ewig fortsetzen.

Und warum arbeitet Erika nun im HR?

Ihr müsst jetzt ganz tapfer sein: Es gibt keinerlei Zugangsvoraussetzung für den Beruf „Personaler“.

 2. Kein Minimal-Set von allgemein gültigen Kompetenzen

Schauen wir auf Erikas Qualifikation für das HR:

  • Erika wollte schon immer mit Menschen arbeiten: Check
  • Sie hat bereits eine Marketingkampagne betreut. (Wir erinnern uns: Übersetzung und Fotos): Check
  • Sie hat Erfahrung im Controlling (= Excellisten): Check
  • Sie hat Kalt-Akquise gemacht („von Tür zu Tür“), was Active Sourcing ja irgendwie zumindest ein klein wenig nahe kommt: Check
  • Salary kann sie auch (Handkasse), Kommunikation sowieso (Newsletter, Telefon), Personalmarketing auch (Messen): Check

Also ist Erika eine perfekte Kandidatin für das Personalmanagement, oder?

Ihr seid der Meinung, das reicht so nicht? Dann bitte ich um Antwort auf meine Frage nach den allgemein anerkannten, notwendigen Qualifikationen für eine angehende Karriere im HR?

Die gibt es leider nicht. Und solange Personalabteilungen in Stellenanzeigen den Hang zur Übertreibung haben und zudem viel Wert auf das Anschreiben legen, um die „Bewerbungsmotivation“ herauszulesen – so lange darf Erika auch ihren Lebenslauf etwas aufhübschen. Ist nur fair.

(Vielleicht stellt der ein oder andere an dieser Stelle einen Zusammenhang zwischen Erikas Qualifikation, der fehlenden Zugangsvoraussetzung zum Personaler und untauglichen Auswahlmethoden her. Aber nur vielleicht.)

Professionalität

Die Geschichte von Erika ist genau das: Eine Geschichte. Selbst Erikas Nachname ist Musterfrau. Könnte also auf jeden Fall auch Max sein. Alles ist erfunden, fiktiv, übertrieben, überspitzt.

Und  wenn, dann ist Erika natürlich ein HR-Naturtalent und Autodidakt. Ich selbst kenne viele professionelle HR-Experten, die Seiteneinsteiger sind und lerne viel von ihnen.

Auch kann man sich trefflich streiten, ob Prüfungen, Staatsexamen oder Zertifikate Sinn machen und ob HR das braucht. Dennoch vermitteln sie  zwei deutliche Botschaften:

„Wir sind wir und wir sind Profis!“

Mit erfolgreich abgelegten Zugangsprüfungen tritt man den Nachweis an, fachlich gut ausgebildet zu sein. Man grenzt sich zudem ab. Nicht jeder darf sich Arzt, Polizist, Meister oder Pilot nennen. Aber wenn man die Hürde der Prüfung genommen hat, dann gehört man dazu.

Sicherlich hat das einen elitären Anstrich, aber gleichzeitig vermittelt es auch Professionalität nach Außen. Natürlich ist man nicht automatisch ein guter Arzt, Pilot, Handwerksmeister oder Lehrer, nur weil man die entsprechende Prüfung abgelegt hat. Aber dennoch vertrauen wir darauf. Wir erwarten Qualität. Unser Anspruch als „Kunde“ auf ein Mindestmaß an Professionalität steigt.

Berufs-Organisationen haben dann einen unterstützenden Effekt – wenn eine Mitgliedschaft an Qualifikation und nicht an Position gebunden ist.

HR professionalisiere dich

Schon mal darüber nachgedacht, dass das Fehlen von Professionalität im HR genau der Grund ist, warum HR „nicht mit am Tischen sitzen darf“?

Weil der Nachweis der Professionalisierung fehlt und es keine Zugangsvoraussetzung gibt. Weil HR jeder macht. Und leider trifft das dann auch die HR-Profis.

Was also tun?

Ich rufe die Universitäten, Volkshochschulen und Lehranstalten auf,  sich gemeinsam Gedanken über ein Mindestmaß an Qualifikation für das Personalmanagement zu machen. Ich rufe die Unternehmen und Organisationen auf, sich hinzusetzen und mal genau zu überlegen, welche Aufgaben auf HR morgen zu kommen und was Personaler dafür können sollten. Wenn dann Unternehmen und Unis noch miteinander reden, dann…

Und ich rufe Euch Personaler auf:

Hinterfragt Euch. Lernt von einander und von Euren Kunden. Schließt Euch zusammen. Geht zu BarCamps. Beschäftigt Euch mit Eurem Wertbeitrag in der Organisation. Professionalisiert Euch!

 

Ich freue mich über Eure Meinung und Kritik in den Kommentaren, Euren Blogbeiträgen und Postings. Lasst und das Thema Professionalisierung im HR gemeinsam diskutieren!

4 Gedanken zu „HR kann Jeder! Eine Geschichte über Professionalität“

  1. Pingback: Professionalität im Personalmanagement und die Farbe Blau - Personaleum

  2. Liebe Leser,

    aufgrund einiger Postings auf LinkedIn, Tweets und Nachrichten an mich, eine Klarstellung: Mein Beitrag ist KEIN Plädoyer gegen Seiteneinsteiger im HR! Ich möchte vielmehr aufrufen, dieses „HR kann jeder“ nicht länger zu akzeptieren. Vielleicht wird es mit diesem Beispiel deutlich:

    Stellt Euch vor, Ihr wollt Eure Wohnung malern lassen. Ihr bekommt 2 Angebote: Eines von einem Malermeister und eines von einem ehemaligen Friseur, der sagt, das er malern kann.

    Warum akzeptieren wir, dass das Angebot des Malermeisters teurer ist? Weil er Meister ist, vielleicht sogar Innungsmeister. Sein Titel ist ein Indiz für Professionalität als Maler. Es spielt keine Rolle, ob er tatsächlich besser ist!

    Wie kritisch schauen wir bei wem hin? Wann reklamieren wir eher die nicht 100% sauber abgeklebte Ecke? Wohl eher beim Malermeister, weil unsere Erwartungen an ihn höher sind. Weil er Meister seines Faches ist, erwarten wir höchste Qualität. Wenn der Friseur besser malt, so ist das super, aber doch eher überraschend.

    „Jeder kann malern“. Aber Jeder, der schon mal gemalter hat, wird gemerkt haben: So ganz trivial ist das nicht. Richtige Farbe, Equipment, Technik braucht es schon für ein optimales Ergebnis. Lernen kann man das – auch als Quereinsteiger. Ein durch Prüfung nachgewiesenes Mindestmaß an Können gibt uns als Kunde aber Sicherheit und steigert die Erwartungen an die Qualität der Arbeit.

    Genau das wünsche ich mir für HR. Das sich nicht jeder „Personaler“ nennen darf und unsere Kunden darauf vertrauen können: Da sind Profis am Werk!

    Die darauf aufbauende Leistung des Personalers / Malers ist dann der zweite Schritt und führt tatsächlich zur natürlichen Selektion.

  3. Dass es hilfreich ist, allgemein gültige Kriterien auszurufen, um den Bereich HR besser aufzustellen, ist in meinen Augen hilfreich. Nichtsdestotrotz ist die Frage, ob es ausreicht, einen „Wisch“ vorlegen zu können.

    Ich sehe die Aussage „Wir sind wir und wir sind Profis“ sehr kritisch. Eine Wir-sind-wir-Denke verhindert schlimmstenfalls, mindestens aber verzögert es den Prozess neuer Impulse und Gedankengänge, die häufig auch von außen eingebracht werden. Profi zu sein und sich so zu präsentieren ist unabdingbar. Doch was macht einen Profi aus? Für mich ist es ganz klar das Handeln eines einzelnen sowie seine Intention hinter diesem Handeln. Und um Intentionen bilden zu können sowie daraus resultierende Handlungen in Angriff zu nehmen bedarf es keinerlei Aus- oder Weiterbildung. Auch kein Zertifikat. Das heute gelernte kann – und im Zuge einer sich immer rasanter entwickelnden Umwelt wird es – übermorgen obsolet sein.

    Ich erachte es als zielführender nicht eine Aufnahmehürde zu installieren, sondern viel mehr eine Pflicht, sich in seinem Berufsfeld kontinuierlich auf dem Laufenden zu halten. Ob das durch Abschlüsse oder belastbare Arbeitserfolge geschieht, kann sicherlich diskutiert werden.

    Im Allgemeinen möchte ich Ihrem Appell an dieser Stelle widersprechen, wenngleich ich den Gedanken, die hinter diesem Appell stehen, wie z. B. in Teilen mangelnde Professionalität, Zuspruch leiste.
    Insofern kann HR längst nicht jeder, sollte allerdings zumindest jeder können dürfen.

    1. Lieben Dank Patrick Mensch,

      ich möchte nicht hohe Hürden aufbauen, sondern die Personaler aufrufen, das „HR kann jeder“ und die damit verbundenen Auflösungstendenzen nicht länger zu akzeptieren. Konkret zu Ihrem Argument: Auch bestimmte Coaching- oder Mediationszertifikate verlangen eine Weiterentwicklung und vor allem nachgewiesene aktuelle Anwendung.

      Auch wenn das Interesse Neues zu lernen hoch ist, kann die Person beispielsweise invalide Personal auswählen. Warum? Weil sie nie gelernt hat, Beobachtungsfehler zu erkennen oder valide wissenschaftliche Kriterien anzuwenden. Nicht jede neue, tolle New Work Idee in der Arbeitswelt ist wirklich geeignet oder sogar unzulässig. Um das erkennen zu können, muss die Person Arbeitsrechtswissen haben usw. Sie sehen: Ganz ohne Ausbildung geht es nicht. Die kann man sich aber natürlich auch als Seiteneinsteiger holen.

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